Reise Tips
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Wein.
8.Tag
Genau genommen fahre ich gegen Ende der Radtour kiloweise schmutzige Wäsche spazieren. Ich habe schon überlegt, ob ich sie nicht in Dresden, das ich ja heute am späten Nachmittag hoffentlich erreichen werde, per Paket nach Hause schicken soll. Aber es könnte gut sein, dass mir der fehlende Ballast beim Fahren Instabilitäten beschert. Außerdem bin ich kein Weichei. Nach längerem Wühlen finde ich noch ein einigermaßen sauberes T-Shirt, ein paar neutral duftende Socken und blütenweiße Unterwäsche. Gepackt wird genau nach einem festgelegten Ritus, von dem nie abgewichen wird. (Hier beschneide ich freiwillig meine Freiheiten, da ich sonst im Chaos ende!) So wird der Reissverschluss des Koffers auch vollständig geschlossen. In die Wasserflaschen bröckele ich je anderthalb Brausetabletten als Calcium- und Magnesium-Dope oder einfach nur wegen des Geschmacks. Probleme machen meist nur die „zusätzlichen“ Beschaffungen und alles, was man nicht flach oder platt bekommt: Äpfel zum Beispiel oder belegte Brötchen, die dann hinterher wie gebügelt aussehen. Aber vieles lässt sich mit sanftem Druck in den Gepäcktaschen verstauen. In der Gaststätte nehme ich das Frühstück zu mir. Draußen blinzelt die Sonne herein und ich freue mich auf den heutigen Tag, der mich über die Grenze nach Dresden bringt. Gegenüber von mir frühstückt ein Pärchen mit einer älteren Dame, die offensichtlich die Mutter des männlichen Begleiters ist und zum ersten Mal seit dem Kriegsende wieder ihre alte Heimat um Usti, das früher Aussig hiess, besucht. Man spricht natürlich über die Preise, die hier ganz anders seien als zu Hause. Heute am Sonntagmorgen gibt es für jeden Gast zwei Minikuchen extra, die der geschäftstüchtige Herr mit der sparsamen Kommunikation wortlos auf den Frühstückstischen verteilt. Ich habe am Vortag schon bezahlt und verabschiede mich jetzt vom Hotel Slavie. Usti lasse ich quasi links liegen und benutze bis Dĕčin n. Lb. (Tetschen) die wenig frequentierte Landstraße rechts der Elbe. Eingerahmt von den sanften Bergen der Böhmischen Schweiz lässt es sich herrlich entspannt radeln.
Eigens angelegte Radwege führen mich ab und zu dicht an die Elbe. Es ist ein ruhiger Sonntagmorgen, ein paar Federwolken zieren den Himmel und gelegentlich kommt mir ein Skater entgegen. Über kleinere Straßendörfer wie ValtÃřov, am Fuß des Schlosses Groß-Priesen, Malé Březno, Těchlovice und Boletice erreiche ich dann kurz nach zehn Uhr DěčÃn n. Lab. (Tetschen), den Verkehrsknotenpunkt dieser Region. Ich kurve um den großflächigen Marktplatz und wechsele unterhalb des Schlosses über eine stählerne Hängebrücke am Hafen auf die linke Uferseite. In dem jetzt recht engen Flusstal begegnen mir vor der Grenze nur noch einige kleinere Häusergruppen. Bis auf ein sehr schlechtes Wegstück direkt hinter DěčÃn - die Alternative wäre links steil hoch, ein Stück geradeaus, dann rechts steil runter - ist der Fahrweg nach Dolnà Žleb asphaltiert und verläuft in der schmalen Elbaue. Auf der Gegenseite befindet sich die Hauptverkehrsstraße von DěčÃn nach Bad Schandau und weiter nach Dresden.
Die Landesgrenze, die auf meiner Seite nur für Fahrräder und Fußgänger passierbar ist, erreiche ich um Punkt 11 Uhr nach 632 km! Ein Schweizer Künstler pinselt vor und hinter der Grenze indianisch aussehende Zeichen mit weißer Farbe auf den Radweg. Wir kommen ins Gespräch und ich bitte ihn, mich am Grenzübergang vor dem tschechischen Staatswappen zu photographieren. Während des Fahrens, so der Schweizer, soll die Graffiti zu einem Film verschmelzen und den Verlauf der Elbe länderübergreifend nachempfinden. Ich habe so meine Mühe, da ich auf den Gegenverkehr achten muss, der sich ebenfalls dieser Autosuggestion hingibt. Aber die Idee ist gut.
Die Böhmische und Sächsische Schweiz gehen nahtlos ineinander über (ist letztendlich ja nur eine Länderdefinition). Ich gelange über weite Auen ins Elbsandsteingebirge mit dem berühmten Basteifelsen, der natürlich auch Ziel meiner Kamera wird. Radler, Fußgänger, Kinderwägen und Inliner häufen sich zusehends, da das freundliche Wetter an diesem Sonntag viele Sachsen und Sächsinnen an die Elbe lockt. In Höhe von Bad Schandau und um die Festung Königstein herrscht gegen Mittagszeit Hochbetrieb. Die Elbe vollzieht hier zwei Schleifen, um die sich nacheinander Königstein (mit Festung), Kurort Rathen und Stadt Wehlen reihen. Die beiden letztgenannten Orte liegen mir gegenüber. In Strand finde ich eine urgemütliche Gartenwirtschaft. Mein Blick fällt auf die Tafel mit dem „Ostdeutschen Jägerschnitzel mit Pommes“. Die Erläuterung für Wessis steht gleich drunter: Panierte Scheiben von einer Art Fleischkäse! Kostenpunkt 5.90 €. Das ist gebongt, dazu zwei kalte, große Apfelschorlen. Es ist sehr hübsch in der schattigen Gartenanlage mit dem kleinen Gasthaus und den rustikalen, hölzernen Sitzgruppen. Ich lehne mich zurück, strecke meine Beine aus und zähle die Wolken, während mir die Sonne das Gesicht bräunt. Live is live! Das Essen schmeckt ausgezeichnet. Zum Bezahlen muss ich das Portemonnaie wechseln. Kronen sind jetzt nicht mehr ‚in’.
Kurz vor der Weiterfahrt bastele ich noch am rechten Pedal herum, das ich mit Kabelbindern zusammenschnüre, da es permanent ein sehr lautes und nerviges Knacken von sich gibt. Irgendwann sind irgendwelche Kanten des Pedals abgeschliffen und das Geräusch verstummt allmählich. Vor mir liegen die bekannten, weiten Elbauen von Pirna und schließlich von Dresden.
An diesem Wochenende findet das Elbfest mit Regatten, Musik, Budenzauber und Verköstigungen aller Art statt. Vor acht Tagen stieß ich in Passau auf das Hängebrückenfest, heute zum Abschluss der Tour stehe ich nach knapp 700 km in Dresden wieder vor einer Hängebrücke, diesmal vor der Loschwitzer Brücke, im Volksmund Blaues Wunder genannt. Gutes Timing! Es fehlt nur noch eine Unterkunft und so fahre ich an diesem Nachmittag den Elbradweg ein Stück zurück. Günstig wäre ein Quartier in der Nähe einer Bahnstation, um unkompliziert in die Stadt zu gelangen. In Kleinzschach-witz werde ich fündig, nachdem ich ein Spaziergängerpärchen angesprochen habe, das mit einen heißen Tipp aufwartet: Das Hotel Zur Pillnitzer Schlossfähre direkt an der Endstation der Straßenbahnlinie 1. Mittels eines Zahlencodes öffne ich die Eingangstür. Zuvor war ein Anruf unter der an der Tür angegebenen Nummer erfolgreich und gab mir grünes Licht für ein gemütliches Einzelzimmer für 40€ incl. Frühstück. Ich habe für zwei Übernachtungen reserviert. Das Fahrrad stelle ich derweil im Hof ab. Leider fehlt eine überdachte Unterstellmöglichkeit, aber ich bin froh, diese “strategisch“ günstig gelegene Pension gefunden zu haben. Die Elbe und die Fähre sind keine 500 Meter entfernt. Dort tobt derweil der Bär. Was bleibt mir anders übrig, als mitzumachen. Ein gesundes Abendessen hat noch niemandem geschadet. Morgen werde ich Dresden mit öffentlichen Verkehrsmitteln und per pedes erkunden. Den Fahrkartenautomat habe ich schon eingehend studiert…






