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18.5.2012 : 22:30 : +0200

Reise Tips

7.Tag

Elbe - Labe

Während die Moldau ihr Erscheinungsbild ständig ändert, was freilich Friedrich Smetana musikalisch inspirierte, ruht die Elbe in sich selber: Ein breiter träge dahinfließender Strom, der sein Ziel kennt. Da ist einerseits der unstete Kobold, die Moldau, andererseits der Beschützer und Prellbock, die Elbe. Mogli und Balu. Ich frühstücke in der Pension Jaro in den gleichen gemütlichen Räumlichkeiten, wo ich am Vortag zu Abend gegessen habe. Draußen ist es etwas kühler geworden. Der Wetterbericht meldet aber gleichzeitig für die nächsten Tage heiteres, etwas windiges Wetter mit gelegentlichen, kurzzeitigen Schauern oder Gewittern. Nachdem ich mein Bündel geschnürt habe, kurve ich nochmal durch Mělník, um an diesem Morgen bei klarem, sonnigem Wetter einige Fotos zu schießen. Nach dieser Ehrenrunde lasse ich mich am Schloss vorbeirollen, werfe einen letzten Blick auf das Mündungsgebiet der Moldau und wende mich jetzt meiner neuen Liebe, der Elbe zu. Labe heißt sie auf tschechisch. Bis Litoměřice (Leitmeritz) bleibe ich auf dem linken Ufer. Die wenig befahrene Landstraße orientiert sich am Flussverlauf, immer in Sichtweite der pappelbestandenen Auen und trifft in fast regelmäßigen Abständen auf kleinere Weiler. Man kommt auch am Kraftwerksgelände des Kohlekraftwerks von Křivenice vorbei. Die Straße verläuft zwischen Kühlturm und Umspannwerk. Weiße Schäfchenwolken gepaart mit grauen, bedrohlichen Fetzen jagen am azurblauen Himmel vom westlichen Horizont über die weite Ebene vor Terezin und Litoměřice. Ein Tafelberg in der Ferne setzt einen auffälligen Akzent. Ich überhole eine Gruppe von Freizeitradlern und rufe ihnen „Dobré ráno!“, einen Gutenmorgengruß zu. Sie sind ebenfalls auf dem Weg nach Roudnice n. Lb. Im Zentrum des Marktfleckens führt Kopfsteinpflaster mich rechts steil hinab bis zu einer sehr schönen Kirche. Dort geht’s links innerorts bergan, parallel zur Elbe. Minuten später trifft mich auf freier Strecke ein heftiger Gewitterschauer. Der Spuk dauert keine zehn Minuten, bin aber, als ich im nächsten Dorf in ein Wartehäuschen flüchte, schon ziemlich durchnässt. Ich trockne mich oberflächlich ab. Den Rest besorgt der Fahrtwind.

Theresienstadt - Terezin

Kurz vor Mittag erreiche ich Terezin (Theresienstadt), die ehemalige Festungsstadt der Habsburger. Als Internierungs- und Durchgangslager der Nazis hat es traurige Berühmtheit erlangt. Die Hauptstraße durch den Ort schlängelt sich direkt an den Festungsanlagen vorbei. Dann wende ich mich diesem Mahnmal pervertierter Macht zu. Das dortige Museum gibt Einblicke über die „Funktionsweise“ des KZs, das zunächst als Internierungslager für den tschechischen Widerstand diente. Ein abgeschlossenes jüdisches Getto wurde zu Propagandazwecken missbraucht, indem eine scheinbare heile Welt der unschuldigen, zwangsweise inhaftierten Menschen vorgaukelt wurde.

Theresienstadt - Terezin

Gegen Ende der Nazidiktatur war Terezin Sammellager für die Insassen der aufgelösten Lager in den östlichen, ehemaligen okkupierten Gebieten. Von hier aus wurden die Unglücklichen in die Vernichtungslager deportiert. Mit gemischten Gefühlen trage ich mich in das Gästebuch ein und verlasse den Festungsbau. Draußen passiere ich den Friedhof. Eine Weile stehe ich vor unzähligen Gräberreihen mit den im Boden eingelassenen Steinplatten, die sich in der Ferne verlieren. Ein mächtiger Davidstern und ein hoch aufragendes Kreuz überragen die Gedenkstätte.

 

Elbsandsteingebirge - Prachovske skaly

Der Elberadweg leitet mich auf die andere Seite nach Litoměřice (Leitmeritz). Ich habe Durst und suche vergeblich eine Gaststätte. In einer Neubausiedlung füllt mir ein „Häuslebauer“ netterweise meine Wasserflaschen auf. Ich genieße den ersten Schluck, jetzt nachdem die Sonne wieder vom Firmament brennt. Bei Velké Želoseky knurrt mein Magen. Da die Gaststätten geschlossen haben, raste ich im Schatten eines Wartehäuschens. Zum Einsatz kommen mehrere Müsli-Riegel und eine Ritter-Sport. Wasser habe ich jetzt genügend. Vor mir breitet sich das flache Tal der Elbe aus, die bis Děčín beidseitig von Eisenbahnlinien und Straßen begleitet wird. Meine Seite ist eher verkehrsberuhigt. Hier in der Böhmischen Pforte beginnen die Berge, die auf deutscher Seite in die Sächsische Schweiz mit dem Elbsandsteingebirge münden. Der Belag des Radwegs besteht ein längeres Stück aus grobem Split und verläuft in Nachbarschaft der Gleise. Der Elberadweg, den die gelben Täfelchen mit der Ziffer „2“ ausweisen, führt mich sicher nach Usti n. Lb. (Aussig). Plötzlich schwimmt das Vorderrad und ich ahne schon das Debakel – Plattfuß! Als ich vor einem Anwesen absattele, öffnet sich das Tor und ein Mann bittet mich freundlich in seiner Sprache herein. Es ist ein Lager für Baubedarf und ich finde schnell ein Plätzchen für die Reparatur. Zudem werde ich auch noch mit Kaffee und Getränken bewirtet. Der Schlauch ist schnell gewechselt – zweimal Ersatz habe ich vorsichtshalber dabei - und baue das Vorderrad wieder ein. Erst zu Hause werde ich die Ursache entdecken: Der Schlauch war in Höhe des Ventilfußes beschädigt. Irreparabel! Mit Händen – die ich mir in einem „multifunktionalen“ Raum waschen konnte – und Füßen verabschiede ich mich und fahre auf dem nun asphaltierten Radweg Richtung Usti.

Böhmische Landschaft

Das Elbtal wird immer belebter. Am Ufer tummeln sich Bootsverleiher, Sportvereine, Gaststätten (die ich vorher benötigt hätte) und viele Familien streben an diesem Samstagnachmittag ans Elbufer. Auch sie trifft bei strahlendem Sonnenschein der Gewitterschauer, der sich vorher mit leichtem Regen angekündigt hat. Ein kleiner Holzpavillon kommt diesmal im rechten Augenblick. Er platzt aus allen Nähten. Aber der Segen von oben währt nicht lange und die Sonne lässt die an den Blättern und Gräsern anhaftenden Regentropfen wie glitzernde Glasperlen aufleuchten. Kurz vor meinem heutigen Ziel komme ich an der Burg Střekov vorbei, die bekannten Romantikern des vorletzten Jahrhunderts wie Caspar David Friedrich, Richard Wagner oder Ludwig Richter als Inspiration diente. Kurz vor Usti nehme ich links die Pension Slavie wahr, fahre aber erstmal ein Stück Richtung Stadt, ohne jedoch eine weitere Unterkunft zu entdecken. Also kehre ich um und frage in der erwähnten Pension nach. Ich bekomme wieder ein Riesenzimmer, diesmal für 750 Kronen plus Frühstück. Der geschäftstüchtige ältere Herr informiert mich im gebrochenem Deutsch und hat seine Informationen gleichsam Textbausteinen parat. Diese vereinfachte „Kommunikation“ hat sich offensichtlich im geschäftlichen Alltag bewährt. Im Schuppen stelle ich mein Fahrrad unter und schlendere die 500 Meter zum Penny-Markt, wo ich mich mit Obst, Süßigkeiten und Karlsbader Oblaten eindecke. Nach der Wurstplatte, die ich schnell in der verräucherten Pensionsgaststätte einnehme, verziehe ich mich auf mein Zimmer. Hier empfange ich das ZDF und bin eigentlich nur am Wetterbericht interessiert, der für „mein Tour-Gebiet“ sonniges Wetter voraussagt, während der Rest der Republik bei kühlen 15 Grad vor Regen trieft. Wenn Engel reisen… J.

Wiesen mit Baum

Bleistiftzeichnung von Roland Zagler

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