Reise Tips
- 1:
Rezepte. - 2:
Reise Tips.- 2.1:
Mittelböhmen. - 2.2:
Südböhmen. - 2.3:
Entlang der Moldau.
- 2.1:
- 3:
Wein.
4.Tag
Hätte ich gestern zu meinem chinesischen Rindfleisch einen Glückskeks bekommen, wäre die Botschaft „Morgen begegnen Sie im Chaos neuen Chancen!“ gewesen. Aber da der heutige Tag erst angefangen hat und ich gerade ahnungslos meine Semmeln schmiere, möchte ich den Geschehnissen nicht vorgreifen. Über die Moldaubrücke von Týn radele ich mit der Sonne im Rücken zunächst im Ort Albrechtice in die verkehrte Richtung. Dabei stoße ich unvorhergesehen auf den Wegweiser nach TemelÃn. Nach vollzogener Kursänderung bringt mich ein kleines Sträßchen bis zum Dreihäuserweiler Údraž, von wo ich links einen Feldweg bis in den Wald folge. Es geht über eine längere Strecke aufwärts. Auf eine Pause verzichte ich, da Prachtexemplare von Stechmücken mich als Ziel auserkoren haben. An einer Hütte im Hochwald wende ich mich wieder nordwärts, bis ich in einer Talsenke am verschlafenen Ort Kluky vorbeiradle.
Es geht erneut bergan und im vorgegebenem Zick-Zack-Kurs der Feldwege komme ich meist im Schatten von Alleen bis zum Mittag gemütlich vorwärts. Auch die Sonne marschiert auf ihren Höchststand zu und maximiert ihre Strahlungswärme, zieren doch nur wenige Wölkchen den tiefblauen Himmel. Wo die Flüsse Moldau und Otava zusammenfließen, erhebt sich mitten auf dem Felsplateau der Landzunge die mittelalterliche Burg Zvikov. Von der ausgedehnten Anlage aus hat man einen günstigen Blick auf die beiden, grünlich schimmernden Flüsse. Niedriger Wasserstand und Algenwachstum tun ihr Übriges dazu. Ein riesiger Parkplatz lässt auf viele Besucher schließen. Auch die Straßenkreuzung vor der Zufahrt zur Burg hat ungeahnte Dimensionen. Busse biegen vor mir ein, ich biege an der Kreuzung rechts ab und fahre nach dem Überqueren der Otava ein kurzes Stück auf einer ausgebauten Landstraße. Es herrscht kaum Verkehr. Ein paar Kilometer weiter halte ich mich rechts und durchstreife eine hügelige Landschaft, teils zwischen Feldern, teils unter lichten Baumkronen hindurch. Ich treffe auf die kleineren Orte Nevĕzice, Probulov und Staré Sedlo und schließlich auf OrlÃk n. Vl.. Mit dem gleichnamigen Schloss und dem OrlÃk-Stausee, gespeist aus Moldau und Otava, ist dieser Ort ein beliebtes Ausflugziel für Freizeitsportler und Naturfreaks. Das Schloss liegt in einem schattigen Park, ebenso das Ausflugscafé, von dem ich meine Apfelschorlen beziehe. Es ist brütend heiß. Aber nichtsdestotrotz treibt es mich weiter, denn heute möchte ich noch Kamýk n. Vl. erreichen. Ich fahre eine Steigung hinauf und zack – reißt der Schaltzug am vorderen Kettenumwerfer! Zugegebenermaßen habe ich um den schlechten Zustand des Zuges gewusst und irgendwann damit gerechnet – bloß jetzt nicht! Wohl wissend habe ich einen Ersatzzug dabei. Indes versuche ich den zeitaufwendigen Austausch zu umgehen und die eigentliche Reparatur abends in Kamýk zu verrichten. Mehr zufällig hat sich der Seilzug aus der oberen, waagrechten Halterung an der Fahrradstange von selbst ausgehängt, so dass das Kabel einen kürzeren Weg bis zum vorderen Kettenwerfer benötigt. Damit verbleibt ausreichend Spiel, den Zug, der jetzt nur über die vertikale Führung am Sattelstützrohr gelenkt wird, an der Arretierungsschraube festzuklemmen. Es muss klappen, wenigstens bis heute abend. Andernfalls bliebe mir nur das kleinste der drei vorderen Kettenräder und damit eine Übersetzung wie sie ein Kinderrad hat! Prost Mahlzeit! Die Reparatur selbst nimmt relativ wenig Zeit in Anspruch, die Justierung dauert dafür länger. Nach einer Stunde bin ich fertig. Es ist halb vier. Na denn, ab in die Hitze Richtung Kozárovice.
Bei dem Weg zur Anhöhe muss sich die Schaltung bewähren und – sie tut es. Erleichtert radele ich wieder im Schatten der Bäume. Kurz vor Kozárovice mache ich Bekanntschaft mit den Ausdünstungen einer Geflügelfarm, die der prallen Sonne ausgesetzt ist. Im Ort selber dröhnt aus Lautsprechern eines Truckerstopps, den offensichtlich die Brummis der nahen Hauptverkehrader Nr. 4 ansteuern, Countrymusik. Sweet-Home-Alabama-Feeling. In Holu-šice muss ich mich rechts wenden. Hier beginnt der Weg, der im Bike-line-Heft mit zackigen Strichen markiert ist und am Moldauufer entlangläuft.
Ich gedenke über Vodni dilo OrlÃk, dem Ort an der Staumauer zu fahren, um von dort aus Kamýk anzusteuern. Dafür habe ich drei Stunden eingeplant. Ich biege in den abschüssigen, geteerten Weg ein, der mich in ein dicht bewaldetes Gebiet lenkt. Die Sonne verschwindet. Schnell passiere ich Abzweigungen und orientiere mich ungefähr, da jegliche Wegweiser fehlen, am Stand der Sonne, wenn sie mal zwischen den Bäumen zu sehen ist. Es geht im kurvigen Auf und Ab an den Steilhängen des OrlÃkstausees entlang. Ich rechne mit einem Seitenarm als die Moldau links neben mir auftaucht. Aber spätestens hier hätte ich wissen müssen, dass etwas nicht stimmt. Zwei Stunden gurke ich durch den dichten Wald, bis mich Motorengeräusche auf eine Straße aufmerksam machen - der Weg nach Kamýk, so meine Hoffnung, gepaart mit gewissen Zweifeln. Ich finde die Straße und biege nach rechts ab. Jetzt habe ich wieder Land in Sicht. Müdigkeit macht sich nach dieser Gewalttour breit. Das Wasser ist verbraucht. Zwei Äpfel aus dem LIDL-Markt in Budweis bleiben mir noch. An die reparierte Gangschaltung denke ich schon lange nicht mehr. Jetzt nur noch Kamýk erreichen und eine Unterkunft suchen! Ein eigenartiger Geruch durchzieht meine Nase. Es ist dieser Geruch nach Geflügelexkrementen. Scheiße. Und dann sehe ich sie, rechts vor mir, die Geflügelfarm von Kozárovice!!! Die Wahrheit ist brutal: 2 Stunden 20 Kilometer Berg- und Talfahrt im Kreis! Das gibt’s doch nur im Fernsehen! Verflucht! Was tun? Ich fahre die sechs, sieben Kilometer zurück nach OrlÃk. Dort ist am Ortsausgang ein Hotel. Das Sonnenlicht zaubert Lichtspiele in die Allee. Aber jetzt ich habe keine Lust abzusteigen und zu photographieren. Das Hotel ist belegt. Ich bekomme den Tipp, es im Autocamp von Velký VÃr zu versuchen. Dort gebe es Blockhütten zum übernachten.
Ich strampele wieder retour in Richtung Kozárovice, die Strecke zieht sich wie Kaugummi. Nach wenigen Kilometern taucht der Hinweis zum Camp auf. Ich wende mich rechts abwärts, dem Moldauufer zu. An der Schranke zum Platz stelle ich das Fahrrad ab, als gleichzeitig ein Bikerpärchen noch vor mir in die Rezeption stürmt. ‚Wenn die mir die letzte Blockhütte wegnehmen, drehe ich denen die Grugel um!’, siniere ich cool. Doch ich habe Glück! 320 Kronen mit Bettwäsche für eine kleine Blockhütte. Ich muss erstmal lüften, da die Sonne den Innenraum in einen Backofen verwandelt hat. Für heute reicht es. Ich gehe duschen, danach gleich in die Gaststätte des Camps, wo ich eine Riesenportion panierter Geflügelschnitzel - sicherlich aus der Geflügelfarm bei Kozárovice - verdrücke. Bei Einbruch der Dunkelheit werden Lagerfeuer entfacht. Kinder sitzen mit ihren Betreuern im Kreis, erzählen, lachen und singen zur Gitarre. So schön kann das Leben sein.






